Bericht der ersten Kindergarten-Galerie

  • Wenn kleine Hände Grosses tun,….
  • Wenn eine Klasse sich gegenseitig anspornt,…
  • Wenn Ausdauer gefragt ist,…
  • Wenn Fantasie uns anregt,…
  • Wenn wir als Gemeinschaft ein Ziel erreichen

… dann ist es Zeit zum Zeigen was wir gemeinsam erreicht haben.

Dazu luden wir alle Interessierten ein, an zwei Tagen vor den Frühlingsferien, unsere „Kindergarten-Galerie“ zu besuchen.

Es war Januar als ich mein Kindergarten Vikariat begann. Da ich mitten in einer Modularen-Webausbildung bin, wollte ich etwas von meinem Wissen den Kindern weiter geben.
So habe ich 9 Ashford Webrahmen mit bunten Kettfäden (Längsfäden) eingerichtet. Der Vorteil von diesen Webrahmen ist, dass bis zu 5 Meter lange Kettfäden eingespannt werden können. Bei diesem Modell Webrahmen befindet sich in der Mitte ein Webeblatt, dass einmal oben und einmal unten eingehängt werden kann. Mit dieser Technik entsteht ein schönes Webfach. Die Webnadel kann gerade durchs Fach geschoben werden. Die Kettfäden sind sehr dicht nebeneinander, dadurch entstehen sehr regelmässig dichte Stoffe, welche dann gut vernäht werden können.

Die Kinder haben sehr schnell verstanden wie das funktioniert und waren begeistert. Jedes Kind durfte einen Stoff weben und wünschen was daraus entstehen sollte. Ich übernahm die Näh- und Stopfarbeiten.
Ich staunte nicht schlecht, als nach 3 Wochen ein 6 jähriger Junge bereits einen 1.80m langen Schal gewoben hatte und ein 5 jähriges Mädchen sagte: „Das mach ich au!“
Einer der häufigsten Fragen während des
Projekts:“Chan ich go wäbe?“
Erfinder des Krokodils war ein Junge. Diese Idee hat auch andere Kinder begeistert. So entstanden insgesamt 5 originelle, bunte Krokodile. Die Mäuse und Taschen waren sowohl bei Jungs als auch bei Mädchen beliebt. Die Kinderideen haben mich recht herausgefordert, das war mein Lernfeld. Wie nähe ich ein Krokodil? Darf ein Krokodil, ein Hase, eine Maus so bunt sein? Wie schaffe ich es, dass der Vogel seine Flügel bewegen kann und der Delfin ein Maul hat, welches auf und zu geht?

Die Galerie zeigte fünf Taschen, ein Hase, ein Huhn, zwei Fische, zwei Delfine, fünf Krokodile, acht Mäuse, eine Schildkröte, eine Katze ein Kissen, ein Tischset und zwei lange Schals und dazu viele Bilder des Entstehungsprozesses.

Während des Projektes haben wir alle viel dazugelernt. Es ist eine Tätigkeit für Kopf Herz und Hand. Für das Hirn spielt es keine Rolle ob es spielt, bastelt, schläft, sich bewegt oder sich anderswie beschäftigt. Es lernt immer.
Das Weben bietet da ein ganzheitliches Spektrum von Lernfeldern an.

Beispielsweise die Koordination: Die Auf- und Abbewegungen mit den Kettfäden oder das Hin und Her mit den Schussfäden ist gleichzusetzen wie die Arbeit der Muskeln, welche beim Weben gespannt und entspannt werden. Die rechte und die linke Hand werden gleichwertig eingesetzt.
Weitere Aspekte des Webens sind die Konzentration, die Ausdauer und das „Ganz-bei-sich-sein-Können“ der Webenden. Es entsteht eine innere Ruhe (meditativ), es werden Farberfahrungen gemacht und die Fantasie wird angeregt. Ausserdem wird gemeinsam geplant. Dabei lernen Kinder zu experimentieren, sich zu entscheiden und eine Auswahl zu treffen. Ideen werden wie im Projektmanagement ausgetauscht und weiterentwickelt. Beispielsweise sollte die Webarbeit eines Kindergartenkindes ein Teppich werden, welcher zugleich als Schal benutzt werden könnte. Zu guter Letzt entstand ein Regenbogen-Delfin.
Mathematische Fähigkeiten entwickeln, wie zählen, berechnen, messen und Mengen erfassen sind beim Weben wesentlich. „Reicht der Faden noch? Ist noch ausreichend Wolle vorhanden? Ist der Schal schon lang genug?“
Gefördert wird beim Weben das genaue Beobachten und der Umgang mit Fehlern. Fehler sind kreative Missgeschicke und führen dazu, dass Kinder lernen sich Hilfe zu holen und nicht aufzugeben.
Materialkunde, ein weiteres Thema: „Was verweben wir eigentlich? Wolle, Baumwolle, Leinen, Kunstfasern?“ Kindergartenkinder haben täglich Kontakt mit diesen Materialien in Form von Kleidung, Bettwäsche oder Frottéwäsche. Es handelt sich immer um gestrickte oder gewobene Stoffe. Dicke Materialien wirken anders als dünne, glatte Fasern oder fransende Fasern geben dem Gewebe ein anderes Aussehen. Mit dickem Material geht die Arbeit schneller voran (Arbeitszeitoptimierung).
Feinmotorische Herausforderungen wie Schneiden, Wickeln von Garnen auf die Webnadeln, Kordeln drehen für die Endverarbeitung sind ein Bestandteil des Webens. Das Wichtigste ist der Erfolg, welcher ein gutes Selbstwertgefühl fördert und Zufriedenheit schenkt.
Die Kinder haben stolz gesagt:“Das han ich sälber gmacht und jetzt chan ich dämit spiile.“

„Das Weben gehört, nach Holz- und Steinbearbeitung, zu den ältesten Handwerken der Menschheit und gilt bereits seit 32’000 Jahren als nachgewiesen, erheblich länger als die Töpferei. In den Grabkammern des ägyptischen Altertums sind Gewebereste von Gewändern nachgewiesen worden“. (zitiert aus Wikipedia)

An dem Galerie-Morgen hat unsere Begeisterung fürs Weben die Besucher regelrecht „gluschtig“ gemacht und angesteckt.
Einige Schüler meinten beeindruckt: „Die Kindergartenkinder können dieses Handwerk besser als wir“. Die jungen Galeristen zeigten den Besuchern wie gewoben wird und alle die wollten, konnten es selber ausprobieren.

Viel zu kurz war meine Zeit in diesem Kindergarten, sonst hätten wir noch viel mehr produziert. Doch zu meiner grössten Freude gibt es Kinder, die Zuhause weiter weben.

Nun werde ich mich wieder meiner Ausbildung zur Handweberin widmen. Mehr übers Weben und weitere Bilder der Galerie sind auf meiner Webseite www.verweben.ch zu finden. Bei Interesse dürfen Sie gerne Kontakt mit mir aufnehmen.
Wie sich gezeigt hat während des Webe Projekts waren sowohl Erwachsene als auch Kinder begeistert von diesem Handwerk.
Für mich war es eine unvergessliche Zeit, in der ich viel gelernt habe und mich täglich freute ab dem Eifer und der Begeisterung der Kindergartenkinder.

Ursula Vergés, Kindergärtnerin